Shortstory: Darkness Over Meidling

Die "Leider-Nicht-Siegergeschichte"* des FM4 Wortlaut Wettbewerbs 2019 zum Thema "Privat" - Hier Exklusiv!


*das ist wahrscheinlich zuviel an Trash, selbst für FM4

Bild von Simon Wijers auf Pixabay

Epilog

Blut. Getrocknet und schwarz. Stumme Schreie. Weiße Laken, rot durchtränkt. Eine Arztliege, gebrauchte Nadeln, hunderte in einer Ecke, medizinische Fläschchen, ... Toxin Typ A, man kann es nicht genau lesen. Das Licht der Sonne scheint an diesen dunklen Ort nur durch eine Oberlicht, das Szenario durch Lamellen in Querstreifen gebrochen. Zerschnitten.

Langsam geht die Nadel durchs Fleisch, es blutet noch nicht, dieser erhabene Moment, wo alles menschliche unantastbar, heilig und unverwundbar erscheint, bis zu diesem Augenblick, wo das Lebenselixier ausfließt und daran ermahnt, dass alles davon abhängt und alles Dasein schlussendlich im Vergänglichen endet. Das Ende, es ist nahe. Die Transformation beginnt.


Götterdämmerung. Lila Wolken hängen drohend am Himmel, die Luft riecht nach Hitze und Regen, durchtränkt von einem latentem Duft der Verwesung. Es ist nicht Sommer, es ist nicht Herbst. Eine Ekstase der Jahreszeiten, ein Gewitter gleich einem unmotiviertem Samenerguss.

Im Freibad ist die Saison bald zu Ende, für Joe heißt es, dass die Schule bald wieder beginnt. Horror. Jede Zombieapokalypse wäre wünschenswerter als noch ein Jahr in dieser Hölle. Der Geschmack nach Erbrochenem drängt sich in den Mund, Panik macht sich breit, Joe versucht tief durchzuatmen, es bringt nichts, Herzrasen. Warm auf der Haut rinnt es aus der Nasenhöhle, Blut. Verdammt, nicht schon wieder! Joe hält sich die Hand vor, um den Strom aufzuhalten, es nützt nichts. Nutzlos. Wieder dieser Gedanke, die Übelkeit wird schlimmer, Joe rennt zu den Toiletten. Shit, alle stehen an, wohin bloß? Joe läuft in die andere Richtung, die Badeschlapfen auf dem nassen Boden quietschen, die Kellertreppen hinunter, „Privat“ steht an der Tür, sie geht auf. Gott sei Dank, denkt sich Joe und hastet ins Klo, greift nach den grünen Papiertüchern und drückt sich so viel davon auf die Nase, wie nur geht. Dieses Grün, Albtraumgrün, es ist Schulklo-Grün.

Mit dem Kopf im Nacken hockt Joe auf dem Toilettensitz, mit geschlossenen Augen und ist weg, weg von hier, weg vom Leben. Lärm zerreißt ihre Trance, was war das? Joe horcht, nochmals hin, es ist ein dumpfer, ekelhafter Laut, wie ein Tier, dass sich in Todesangst vor Schmerzen windet. Neugier treibt sie an, sie kann nicht wegbleiben, ihr Gefühl sagt ihr, dass es keine gute Idee ist. Wie in den Gruselfilmen, während man sieht wie der Protagonist seinem geplanten grausamen Schicksal einem Schaf gleich entgegen läuft und man zu Hause auf der Couch sitzt und sagt: Du Scheißidiot, tu es nicht! Joe weiß es, sie ist elektrisiert und geht weiter, die Decke im Gang, durch den sie geht, wird niedriger, die Luft ist von Chlor geschwängert, es sind viele Türen und Gänge, im Hintergrund hört sie Motoren brummen, das sind wahrscheinlich die Pumpenanlagen der Schwimmbecken. Sie geht weiter und hofft irgendwie in einer perversen Art darauf den Schmerz wieder zu hören.


Zwischenspiel:

Donnergrollen. Joes rotes Handtuch liegt verwaist auf der grünen Wiese, dieselbe Farbe wie die Papierhandtücher: Albtraumgrün.

Der Wind bläst kräftig durch die Bäume, der Papierkorb fällt um, er fährt durch die Seiten der Gratiszeitung, am Titelblatt steht: Zombies in Österreich?!? Droht das Ende der Menschheit? – Supersommergrippevirus im AKH entdeckt. Lesen sie mehr auf Seite Drei.


Ein gellender Schrei, Joe zögert kurz er an ihr Ohr dringt, sie fährt sich durch die kurzen Haare, hält den Atem an und drückt die Türklinke ganz sachte nach unten. Ihr Herz rast. Sie drückt dagegen, sie ist verschlossen. Verdammt, sie legt den Kopf an und lauscht, es ist ganz still. Nur etwas Metallisches vernimmt sie. Jetzt, Schritte, sie kommen auf sie zu. Joe bleibt das Herz stehen, so schnell und dennoch so leise wie möglich versteckt sich Joe unter der Treppe, die weiße Türe mit dem roten Kreuz in den Augen. Sie öffnet sich. Joe hält sich die Hand vor den Mund und beißt hinein, sonst würde sie schreien. So fest, dass sie den metallischen Geschmack von Blut spürt.

Eine Frau kommt heraus, ihr Gesicht, es ist furchterregend, unförmig, blau und grün, die Mimik ist starr. Hinter ihr taucht ein Mann auf, er trägt einen Arztkittel. Die Frau dreht sich zu ihm, der Arzt spricht, Joe sieht wie sich die Lippen bewegen, vernimmt die Worte und deren Inhalt, aber dennoch wirkt es für sie wie in einem Stummfilm, wo sich der Sinn nur durch die Untertitel ergibt.

„So, Frau Meier, das Fadenlifting ist mir sehr gut gelungen, sie werden sehen. Bitte haben sie etwas Geduld, die Schwellungen werden in den nächsten Tagen verschwinden und die leichten Hämatome gehen auch bald weg. Falls es unangenehm wird, nehmen sie Schmerztabletten, aber bitte nichts blutverdünnendes, also kein Aspirin oder so. Und verzeihen sie die Umstände, dass ich sie nicht in meiner regulären Ordination betreuen konnte, sondern hier in der Sportpraxis vom Schwimmverein. Die Renovierung sie wissen.“


Die Frau gibt etwas Unverständliches von sich, es erinnert an den Laut eines Zombies.